![]() |
![]() |
||||||
| Psychologisch – Pädagogische Praxis Wolfgang Nitzler |
|||||||
|
|||||||
|
Die Bonding-Therapie als Psychotherapeutische Intensivphase zum Download des Artikels bitte hier klicken Es gibt hilfesuchende Menschen mit seelischen und sozialen Fragen und Nöten, denen rein sprachliche psychotherapeutische Angebote nicht, nicht mehr oder nicht ausreichend weiterhelfen. Sie finden Hilfeangebote bei verschiedenen körpertherapeutischen Schulen, bei der Hypnotherapie, Gestalttherapie und vielem mehr. Die moderne Bonding-Therapie als Körpertherapie fußt auf dem Grundbedürfnis nach Bindung, das in unserer Zeit zunehmender Unverbindlichkeit von besonderer Bedeutung geworden ist. All dem trägt die Bonding-Therapie Rechnung. Umso bedauerlicher ist es, dass sie bisher noch nicht die Verbreitung und Beachtung gefunden hat, die ihr aus meiner Erfahrung gebührt. Gibt sie doch profunde Antworten auf wesentliche Herausforderungen in den Familien dieser Zeit und in unserer Gesellschaft. Zum Verständnis unserer Arbeitsweise in den Psychotherapeutischen Intensivphasen Bindung, ein wesentliches psychosoziales Grundbedürfnis Von Anfang an, mit der Geburt, besitzen wir Menschen neurobiologisch verankerte psychosoziale Grundbedürfnisse nach Bindung, Autonomie, Selbstwert, Identität, körperlichem Wohlbehagen und Lebenssinn (K. Stauss 2006). Von besonderer Bedeutung für uns ist das Grundbedürfnis nach Bindung, da seine Ausprägung die weiteren Grundbedürfnisse in ihrer Ausformung direkt beeinflusst. Die entscheidenden Sinneskanäle, über die das Grundbedürfnis nach Bindung befriedigt wird, sind Haut, Nase, Augen und Ohren. Störungen der Eltern-Kind-Beziehung verhindern den Ausbau eines sicheren Bindungsstiles Eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind wird schon von Anfang an gestört oder gar verhindert durch einen unsicheren oder ambivalenten Bindungsstil eines oder beider Elternteile. Das Kind erfindet in einem kreativen Akt seine eigenen lebensrettenden Muster des Verhaltens und der Lösungen. Dahinter verbergen sich motivierende Einstellungen zu sich und der Welt. Gleich wie die konkrete soziale Situation ausgeprägt und gestaltet ist: Das Kind, später der Jugendliche, findet für seine spezielle Lebenssituation in der Regel eine „eigene hilfreiche Antwort”, ein Verhaltensmuster, eine Lösung. Bei gravierenden Einzelereignissen oder länger andauernden Ereignisketten, wie bei Gewalt und Übergriffigkeit, kann sich in der Folge eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Je sicherer ein Mensch gebunden ist, umso schneller und leichter löst sich traumatisches Erleben auf und kann gut integriert werden. Dem allgemeinen Denken und dem, was man allgemeine Erfahrung nennt, entzieht sich die oft gravierende Bedeutung schon sehr früher Traumatisierungen (Schicksalsschläge). Wie sich aber zeigt, sind unter Umständen selbst Geburtserfahrungen Einflüsse, die oft erst im Erwachsenenalter zu wirken beginnen. Johanna X.* (31 Jahre) leidet an Suizidgedanken, Versagensängsten und Schuldgefühlen. In der Therapie wird schließlich deutlich, dass sie – ohne sich dessen bewusst zu sein – sich schon von klein an schuldig am Tod ihrer Mutter fühlt. Als Erwachsene versucht sie dann, beruflich wie privat, diese unbewusst gefühlte „Schuld” wieder „gut zu machen.” Identität als „Narrative Konstruktion” Die Narrative Psychologie spricht davon, dass wir Menschen unsere Identität erfahren, indem wir uns beständig Geschichten über uns, die Welt und unser Leben erzählen. Ein Beispiel, wie eine Einstellung aus der frühen Kindheit die Schulzeit behindern kann: In verschiedenen Lebensaltersstufen können sich kontroverse – widersprüchliche – Einstellungen und Muster des Verhaltens zu ein und derselben Person entwickeln. Auslöser sind konkrete biografische Ereignisse im Verlauf der Kindheit und Jugend einerseits und konkrete Bindungserfahrungen andererseits. Ein Beispiel: Werner S.* ist sieben Jahre alt, als sein drei Jahre älterer Bruder einen Unfall erleidet. Als Folge des Unfalls bleiben Hirnschädigungen, die die Persönlichkeit des Bruders sehr verändern. Er wird zunehmend aggressiv und oft schlägt er Werner brutal. Noch mit 40 Jahren hasst Werner seinen Bruder zutiefst, erlebt aber auch immer wieder unbegreifliche Liebe zu ihm. Die Bonding-Therapie als Psychotherapeutische Intensivphase in Workshops Kurzdefinition von Dr. Konrad Stauss, „Bonding-Psychotherapie ist ein gruppentherapeutischer Prozess zur Behandlung von Störungen, die in einem Zusammenhang mit der mangelnden Befriedigung der neurobiologisch verankerten psychosozialen Grundbedürfnisse stehen. Dabei kommt dem Bonding- und Bindungsbedürfnis eine zentrale Funktion zu. Durch nicht gelungene schmerzhafte Bonding- und Bindungserfahrungen entstehen unsichere Bonding- und Bindungsrepräsentationen mit den dazugehörigen dysfunktionalen emotionalen Schemata. Durch das Herstellen von körperlicher Nähe und vollem Ausdruck der Gefühle werden diese emotionalen Schemata prozessual aktiviert. Sie werden zunächst emotional durchgearbeitet, bewusstseinsfähig gemacht und durch emotional korrigierende Erfahrungen Schritt für Schritt überschrieben. Danach werden die dysfunktionalen emotionalen Schemas verändert und neues Verhalten eingeübt, um die psychosoziale Kompetenz zu verbessern. Meine Kolleginnen – mit denen ich die Bonding-Workshops leite – und ich sind Schüler(Innen) von Dr. Ingo Gerstenberg, der als einer der bedeutenden Bondingtherapeuten unserer Zeit gilt. Bis zu seinem Tod 2004 arbeiteten wir mit ihm zusammen im Dan-Casriel-Institut, Hadamar. Ingo Gerstenberg hatte ein besonderes Interesse daran, die Bondingtherapie weiter zu entwickeln und mit anderen Therapieelementen zu verknüpfen. So ermutigte er uns, uns in Psycho-Traumatherapie weiterzubilden und insgesamt, neue Wege zu gehen. Mittlerweile arbeiten wir seit 2008 in zwei verschiedenen Settings, einmal mit einer Teilnehmerbegrenzung auf maximal 10 Klienten, einmal mit einer Beschränkung auf 16 bis maximal 24 Teilnehmer. Im letzteren Fall arbeiten wir mit drei, im ersten Fall mit zwei Therapeuten. Die sogenannte Therapeutische Gemeinschaft lebt in beiden Gruppengrößen von und durch die Dichte des Zusammen seins. Sie unterstützt den Einzelnen bei seinem individuellen Therapieprozess. In den Workshops kommen je nach Anliegen und Ausgangslage des Klienten verschiedene Methoden – Erfahrungsfelder – zum Einsatz, wie körperliche Annäherungsübungen, sog. Bonding-Matten in verschiedenen Haltepositionen, Einstellungsgruppen mit unterschiedlichen methodischen Elementen, Trancen, Rituale, Heil- und Atemmatten (sog. Tiefenatmen) oder systemische Aufstellungen. Der Übergang von Annäherungsübungen zu Bonding-Matten ist fließend. Bei den Annäherungsübungen erfährt der Teilnehmer, oft wie in Zeitlupe, seine Empfindungen je nach gewählter Distanz zum Übungspartner. Im Vorgang des wiederholten Ausdrückens des gerade Erlebten vertiefen und verändern sich die Empfindungen. Angst vor Nähe kann sich beispielsweise zu Sehnsucht nach Nähe ergänzen oder wandeln. Bonding-Matten können je nach Prozess zwischen 30 Minuten und eineinhalb Stunden dauern. In der Regel arbeiten zwei Klienten zusammen. Einer begleitet den anderen, danach wird gewechselt. Jeder hat die oben genannte Zeit für sich und seine Erfahrungen. Bonding-Matten wirken verschieden, je nachdem wie man gehalten wird, auch von wem man gehalten wird; wie der Körper gekrümmt oder gestreckt ist, wo man berührt wird und ob man sich in seinen Grenzen sicher fühlt oder nicht. Entsprechend tauchen Bilder, Sätze, Gefühle oder auch Leere auf, die zu längst vergessenen alten Lebenssequenzen gehören können und die dennoch im heute eine große Wirkung haben. Durch verbales ausdrücken des im „hier und jetzt” erlebten, beginnt sich das Erlebte zu vertiefen und / oder zu wandeln. Heilsames Geschehen entwickelt sich ganz individuell im ureigenen Rhythmus und Tempo des Einzelnen. Heilatmen wurde von Wolfgang Nitzler als sanfte Form einer Atemmatte entwickelt. Es findet vorwiegend in Rückenlage mit Handkontakt statt. Im Schutz einer hypnotherapeutischen Tiefenentspannung, auch Trance genannt, begibt sich die Gruppe der Klienten mit einer einheitlichen Musik auf eine Reise in ihre, jeweils persönliche, Innenwelten. Über eine bewusste Atmung, die mit Gedanken an Heilung gekoppelt ist, öffnen sich individuelle Erfahrungsfelder, die aus dem kreativen, unbewussten, bildreichen Potential in uns kommen. Die Rückführung aus der Trance beendet die Erfahrung, die therapeutisch genutzt werden kann. Das Heilatmen dauert ca. 1 Stunde bis 1,5 Stunden. Tiefenatmen basiert auf ähnlichen Vorgehensweisen wie Heilatmen, jedoch ohne hypnotherapeutische Tiefenentspannung, aber mit einer Anleitung zu einem vertieften, beschleunigten Atmen. Verschiedene, die Gefühle unterstützende, laut abgespielte Musikstücke, ermöglichen eine persönliche Reise in die Erfahrungsfelder, die aus dem kreativen, unbewussten, bildreichen Potential in uns stammen. Über die Gruppe entsteht ein tragendes Energiefeld. Die gemachten Erfahrungen werden therapeutisch genutzt. Der Prozess dauert ca. 1,5 bis 2 Stunden. Einstellungen sind in der Psychologie Bewertungen einer Person, eines Objektes, einer Situation oder einer Idee. Einstellungen motivieren zu Handlungen oder verhindern solche. Es gibt Einstellungen ohne Beteiligung bewusster Gedankengänge. Uns interessieren die zentralen Einstellungen unserer Klienten zu sich und ihrer Mitwelt. Ein Beispiel: Eine junge Frau (33 Jahre), Mutter von 3 Kindern, war mit sich selbst und ihrem Leben seit langem unzufrieden. Sie wurde mit 18 Jahren zum ersten mal Mutter, wenige Wochen nachdem sie ihren Mann geheiratet hatte. Als sie am Workshop teilnahm, war sie unglücklich und wollte ihre Familie verlassen. Sie dachte, sie habe ihr Leben „in den Sand gesetzt”. Im Workshop wurde herausgeschält, wie sehr sie als Jugendliche und junge Frau unter dem rigiden, strengen oder gewaltvollen Vater litt und von der depressiven Mutter keinen Schutz erhalten hatte. Nur als werdende Mutter war es ihr damals möglich gewesen, dem Elternhaus zu entfliehen. Über die verschiedenen Prozesse im Workshop verstand sie sich und ihre Lebensplanung neu. Sie konnte die Lösungen aus ihrer Kinderzeit und Jugend als solche erkennen und würdigen. Sie hörte auf, über sich als 17jährige zu hadern. Sie entwickelte eine neue Einstellung zu sich, Ihrem Mann und ihre Ehe.* Mit bzw. an Einstellungen arbeiten wir in allen Erfahrungsfeldern. Je nach Situation bieten wir räumlich abgetrennt eine Einstellungsgruppe an. Hier können Einzelne gezielt an bestimmten Einstellungen arbeiten oder neu gewonnene einüben. In einem wesentlichen Unterschied zu den Anfängen der Bondingtherapie arbeiten wir mit der Idee vom Inneren Kind. Viele entscheidende und behindernde Einstellungen wurden in konkreten Lebenssituationen in bestimmten Lebensaltern erworben. Fast immer auf dem Hintergrund des Magischen Denkens. Ein Beispiel: Friedrich X.* war sechs Jahre alt, als seine Mutter an Krebs verstarb. Mit 38 Jahren wird er von großen Schuldgefühlen geplagt. Es zeigt sich, dass er als Kind glaubte, die Mutter sei gestorben, weil er zu lebendig, zu anstrengend für sie war. Da diese Schuld so entsetzlich war, musste sie verdrängt werden. Im Workshop wurde der Innere Kind-Anteil von den Schuldgedanken befreit und in einen inneren „Dialog” mit dem Erwachsenen gebracht. Ein Arbeiten mit dem Erwachsenen-Ich allein wäre ohne Erfolg geblieben. Lebensskripte, Muster oder Einstellungen hinderlicher Art werden durch unsere therapeutische Arbeit bewusstseinsfähig gemacht, die „Hintergrundmusik” wird hörbar. Durch emotional korrigierende Erfahrungen ermöglichen wir im weiteren Schritt neues angemessenes Verhalten und Erleben. Dadurch werden im Alltag positiveres Erleben von Beziehung mit sich selbst und anderen möglich. Für Menschen, die in ihrer frühkindlichen Entwicklung erheblich beeinträchtigt wurden und für jene, bei denen sich eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTSB) entwickelt hat, haben wir Therapeuten vom DCI (Dan-Casriel-Institut) eine Vielfalt verschiedener Haltemöglichkeiten entwickelt, die meist aus der Halte- und Festhaltetherapie mit Kindern stammen und eine sanfte, selbstbestimmte Weise der sicheren körperlichen Begegnung erlauben. Zusätzlich arbeiten wir bei PTSB mit Handwerkszeug aus der Traumatherapie (Innerer Sicherer Ort, Innerer Tresor, innere Bühne, im Einzelfall EMDR). * Alle Namen sind geändert. Die beschriebenen Schicksale sind beispielhaft und dienen nur der Verdeutlichung. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Weitere Informationen finden Sie z.B. im Internet auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Bonding-Psychotherapie www.bonding-psychotherapie.de. Dr. Konrad Stauss, ehemals Leiter der Psychosomatischen Kliniken Grönenbach, hat sich besondere Verdienste bei der Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Bonding-Psychotherapie erworben. Sein richtungweisendes Buch richtet sich an Therapeuten und Studierende. Empfohlene Literatur: K. Stauss: Bonding Psychotherapie, ISBN-10: 3-466-30716-3, erschienen im Kösel-Verlag. Mathias Jung, Adelheid Gerstenberg (Hrsg.): Alles blüht um mich her, Erinnerungen an Ingo Gerstenberg. Zu beziehen über |
||||||